Zu Besuch beim Evangelische Kirchentag in Berlin

29.05.2017

Vom 24. bis 28. Mai 2017 fand gleichzeitig in Berlin und Wittenberg der 36. Evangelische Kirchentag statt. Die Losung für den Kirchentag 2017 lautete „Du siehst mich“. Zum Reformationsjubiläum fanden zahlreiche, auch sehr interessante Veranstaltungen statt.  

In der Zionskirche gab es einen beeindruckenden Friedensgottesdienst. Margot Käßmann hielt die Predigt. Sie kritisierte u. a. Scharf die geplante Erhöhung der Militärausgaben von 1,2 Prozent auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit würde der Militäretat von derzeit 34,3 Milliarden EURO auf künftig mehr als 60 Milliarden EURO. Organisiert wurde der Gottesdienst von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK).

In der Podienreihe Ende des Wachstums ging es um das Thema „Immer mehr, immer größer und wie weiter? Wie das Wirtschaftswachstum in die Welt kam“. Im Mittelpunkt stand das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP wird seit der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts als ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft angesehen. Es gibt den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen an, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt und verkauft werden. Die Veränderung des BIP zeigt das Wirtschaftswachstum an.

Das BIP kann kann jedoch wenig über die Entwicklung von Natur- und Humankapital aussagen. Bildungs- und Gesundheitsausgaben werden im BIP nur als Konsum und nicht als Investition in Humankapital gewertet. Veränderungen des Naturkapitalstocks durch Umweltverschmutzung oder Ressourcenknappheit werden nicht berücksichtigt. Ausgaben für Aufräumarbeiten nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko zählen beispielsweise zum BIP, auch wenn die Natur dadurch einen enormen Schaden erleidet. Kriminalität kann sogar zu einer Steigerung des BIP führen, weil Polizeieinsätze und Besitzschäden zu Ausgaben führen. Daher gab es eine breite Zustimmung, dass eine Zunahme des BIP nicht für eine Zunahme an Wohlbefinden steht, weil wesentliche Elemente wie saubere Umwelt, gesellschaftlicher Zusammenhalt oder Zufriedenheit der Menschen nicht erfasst werden.

Das Wirtschaftswachstum bzw. eine Steigerung des BIP ist auch keine gute Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit (Klimawandel, Umweltzerstörung, demografischer Wandel, Sicherheit, etc.). Die Politik setzt jedoch nach wie vor auf das BIP, anstatt auf langfristige nachhaltige Entwicklung abzuzielen. In politischen Debatten ist es schwer, Maßnahmen durchzusetzen, die das BIP senken aber Wohlfahrt stiften, weil das derzeitige Wirtschaftssystem auf Wirtschaftswachstum aufbaut. Gefragt sind vielmehr Indikatoren, die ebenso klar und ansprechend wie das BIP sind, aber andere Dimensionen von Fortschritt – insbesondere umweltbezogene und soziale – messen. An der Podiumsdiskussion nahmen teil: Prof. Dr. Lorenzo Fioramonti, Politikwissenschaftler, Pretoria/Südafrika; Kerstin Andreae MdB, stellv. Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen; Prof. Dr. Dr. Andreas Barner, Mitglied Gesellschafterausschuss Boehringer Ingelheim; Ferdinand Knauß, Journalist und Prof. Dr. S. Michael Northcott, Umwelttheologe aus Großbritannien.

Ein Feierabend unter dem Thema „Verleih uns Frieden gnädiglich“ mit Fulbert Steffensky und Michael Wollny beendete den Tag. In unfriedlichen Zeiten nahm Fulbert Steffensky den Frieden ins Gebet mit nachdenklichen Worten. Der 84-jährige ehemalige Benediktinermönch und Witwer von Dorothee Sölle hat in seinem Leben so viel erlebt, erlitten und durchdacht, dass er weder sich noch seinen Zuhörern noch irgendetwas beweisen musste. Er ging u. a. Auf die Macht der Bilder ein. „Bevor ein Bild des Feindes entsteht, entsteht ein Bild von mir“, so Steffensky. Zudem stellte er klar, dass wahrer Glaube zum Unglaube und zur Skepsis befähigt.

Steffensky erinnerte auch an den jüdischen Rechtsanwalt Hans Litten. Der junge Rechtsanwalt holte 1931 den »Schriftsteller« Adolf Hitler in den Zeugenstand um die Gewaltbereitschaft von SA und NSDAP zu belegen. Dabei zog er sich dessen persönliche Feindschaft zu. Litten verteidigte in zahlreichen Prozessen straffällige Jugendliche und kommunistische Arbeiter und er klagte eine Justiz an, die den Rechtsstaat zu großen Teilen schon aufgegeben hatte, bevor Hitler an die Macht gelangte. „Ich habe nur als proletarischer Anwalt meine Pflicht den angeklagten Proletariern gegenüber erfüllt“, sagte Litten im August 1932. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wird Hans Litten in „Schutzhaft” genommen. Er kommt in das Zuchthaus Brandenburg und über diverse Konzentrationslager schließlich in das Konzentrationslager Dachau. Hier nimmt sich Hans Litten, der in der langjährigen Haft immer wieder schwerer Folter und Misshandlungen ausgesetzt ist, am 5. Februar 1938 das Leben.

Kommentiert wurden die Texte vom begnadeten und international erfolgreichen Jazzpianisten Michael Wollny, der neben nachdenklichen Takten auch jugendlichen Leichtsinn und Experimentierfreude zu Gehör brachte.

Insgesamt war der Besuch auf den Kirchentag für mich sehr anregend.

Dennoch gibt es auch berechtigte Kritik am Kirchentag. Kritisiert wird, dass der Kirchentag als religiöse Veranstaltung zu einem erheblichen Teil mit öffentlichen Mitteln finanziert wird. Bei der Auswahl von Sponsoren sollte eigentlich auf die Einhaltung der von den Kirchen unterstützten Nachhaltigkeitsziele geachtet werden. Allerdings kann die durch Sponsoring entstandene Nähe zum VW Konzern durch dessen Verwicklung in den Abgasskandal „ethische Prinzipien verwässern“. Der Sponsor VW stellte 250 Fahrzeuge zur Verfügung.

Die Großveranstaltung kostete laut Schätzungen insgesamt 23 Mio. €. Neben den Zuschüssen des Landes Berlin in Höhe von 8,4 Mio. € unterstützt das Land Brandenburg mit 1 Mio. € und die EKBO mit 3,7 Mio. €. Außerdem gibt es fördert der Bund die Veranstaltung mit 2,5 Mio. €. Hinzu kommen 7,4 Mio. € aus Eigenmitteln.

Gerade im Jahr der Bundestagswahl lässt kaum ein Abgeordneter die Gelegenheit verstreichen, auf einem Podium über Wahlkampfthemen zu sprechen. Große Kritik löste der Obama-Auftritt mit Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor aus. Da stellt sich schon die Frage, warum zahle ich mit meiner Kirchensteuer Merkels Wahlkampf. Ich meine, Politik auf dem Kirchentag ist gut, Instrumentalisierung für den Wahlkampf aber problematisch.

Zurück

Aktuelles (Archiv)